Der Fluss des Lebens

Der Fluss des Lebens

zitiert aus dem Buch "UPASANA - das gute Gefühl", Kapitel 22, Seite 325 ff.
von Sukumar aus Südindien, spiritueller Lehrer von Eberhard Bärr

 

Jeder Fluss beginnt irgendwo an einer kleinen Quelle. Es sind anfangs nur kleine, individuelle Tropfen, die dann zu einem kleinen Bach zusammenfließen. Viele kleine Bäche verbinden sich miteinander und werden zu einem großen Fluss. Manchmal geht der Fluss durch Stromschnellen und Turbulenzen, schlägt an Felsen an, fließt weiter, manchmal sanft, manchmal wild in den Wasserfällen, manchmal dreht er sich in Strudeln. In diesem Verlauf verdunstet schon ein großer Teil des Wassers, versickert in der Erde oder wird konsumiert. Nicht jeder Tropfen, der aus der Quelle kommt, wird den Ozean erreichen. Ungeachtet all dieser Vorgänge fließt der Fluss dahin, als würde er seinen Weg kennen.

 

Stell Dir vor, jeder einzelne Tropfen müsste seine Individualität aufrecht erhalten. Er würde sich für den Lauf des Flusses verantwortlich fühlen, mit der Vorstellung diesen beeinflussen zu können. Er wäre überzeugt davon, dass der Fluss immer ruhig und sanft dahinfließen müsse.

 

Das Leben ist wie ein großer Fluss. Es gibt nicht viele verschiedene Leben. Es gibt einen Fluss des Lebens, der nicht vom Dasein getrennt werden kann. So wie der Raum nicht getrennt werden kann von dem, was in ihm geschieht, so kann auch das Leben nicht von der reinen Existenz getrennt werden. Nur das Individuum (die Persönlichkeit/das Ego) lebt in der Annahme, für das Leben verantwortlich zu sein und es verbessern zu können. Damit versucht es, sich einen zu "großen Schuh" anzuziehen. Es bürdet sich dadurch die Last der Welt auf und leidet darunter. Das ist Unwissenheit.

 

Irgendwann und irgendwie haben wir diese Individualität angenommen und in dieser Unwissenheit glauben wir, wir seien intelligent. Arroganz, Stolz, Sturheit, Gegenwehr und Aggression, sind die Eigenschaften des Ego und Ursache allen Leidens. Wir weigern uns einzugestehen, dass wir hilflos sind und wollen nicht aufgeben. Spirituelles Wissen ist nur darauf ausgerichtet, das Ego zur Aufgabe zu bringen, indem es seine eigene Hilflosigkeit eingesteht.

 

Wenn das Individuum seine Unwichtigkeit erkennt, wird es demütig. Dann verbeugt sich der Mensch. Diese Hingabe bezeichnet man als "göttliche Hilflosigkeit". Wenn alle Gegenwehr aufgegeben und die Last der Verantwortung abgegeben wurde, dann ist das Ego friedvoll und unbeschwert und kann in der Einheit dieses Flusses aufgehen. Das allein ist die Erfüllung in Spiritualität.

 

 

प्रातः स्मरण स्तोत्र
prātaḥ smaraṇa stotra
Morgengedicht von Shankaracharya (700 - 750 n. Chr.), Südindien


Bei der Morgendämmerung rufe ich mir ins Gedächtnis das Wesen des Selbst,
wie es mir, aus sich selbst leuchtend, ins Herz scheint."
Das Vierte" (Turya), das ewige Sein ist, reines Bewusstsein und Seligkeit, -
das Ziel der "Höchsten Schwäne" (heimatlos und frei).

Das Wesen, das die Zustände von Traum, Wachen und Tiefschlaf beobachtet -
diese erhabenste Substanz (Brahman) bin ich. Sie ist unteilbar, ohne Teile.
Ich bin nicht aus den fünf vergänglichen Elementen zusammengesetzt.
Ich bin weder Leib und Sinne, noch was im Leibe ist (antaranga, die Seele).

Ich bin nicht die Ich-Funktion. Ich bin nicht die Summe der vitalen Atemkräfte.
Ich bin nicht intuitives Verstehen (buddhi).
Fern bin ich von Familie, fern von Land, Reichtum und anderen Gütern dieser Art.
Ich bin der Zeuge, der Ewige, das innere Selbst, der Selige. Das bin Ich.


(aus "UPASANA - das gute Gefühl", Seite 13, Sukumar)